Hyaluronidase in der Ästhetischen Medizin - Neuer Behandlungsalgorithmus

Hyaluronidase in der Ästhetischen Medizin - Neuer Behandlungsalgorithmus
Neben dem klassischen Einsatz in der Opthalmo-Chirurgie hat sich das Enzym Hyaluronidase im off-label use nach wie vor im Bereich der Ästhetischen Medizn als Gold-Standard und Notfall-Arzneimittel zur Auflösung von injizierter Hyaluronsäure bewährt. Die Hyaluronidase ist ein Enzym, das mittels Hydrolyse Hyaluronsäure spaltet. So kann extern zugeführte Hyaluronidase im Notfall bei zu viel oder falsch gespritzter Hyaluronsäure das Material auflösen.
Bislang existieren keine offiziellen Richtlinien zur Anwendung von Hyaluronidase beim Management von Komplikationen mit Hyaluronsäure-Fillern. In der kürzlich publizierten klinischen Studie von Rouanet etl al. (2021) mit 35 Patienten schlagen die Autoren einen neuen Behandlungs-Algorithmus mit wiederholend hohen Dosierungen von Hyaluronidase vor:
Abb. 1: Hyaluronidase-Protokoll für die Behandlung von vaskulären Komplikationen durch Hyaluronsäure-Filler
Dosierung
Der Konsens heute ist, dass bei einer Embolie und bis zur kompletten Auflösung der Hyaluronsäure wiederholt hohe Dosen von Hyaluronidase injiziert werden sollten. Die Autoren C. Rouanet, P. Kestemont, C. Winter et al. erachten 1.500 Einheiten Hyalase® (Negma, Elancourt, Frankreich) für eine schnelle und effiziente Wirkung als zielführend. Eine Verbesserung des klinischen Bildes kann in der Regel bereits innerhalb von 24 Stunden erwartet werden. Üblicherweise sind 3-4 Injektionen von Hyaluronidase bei früher Diagnosestellung und leichtgradiger Symptomatik (und eher oberflächlichen Haut-Komplikationen) ausreichend. Bei schwerwiegenderen Komplikationen sind eher 8-9 Injektionen zielführend. Hier sei erwähnt, dass das Präparat in der Regel ein gutes Sicherheitsprofil aufweist und auch bei hohen Dosierungen eine geringe Nebenwirkungsrate zeigt. Überdosierungen sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht dokumentiert. Die Prävalenz von Hypersensitivitäts-Reaktionen liegt bei 0.1%−1%. Gerade bei dringendem Handlungsbedarf ist eine vorherige Allergietestung daher nicht zwingend notwendig.
Zeitfenster
Eine hohe Wirksamkeit für die Hyaluronidase ist gerade dann belegt, wenn diese innerhalb von 4 Stunden nach Auftreten einer Komplikation injiziert wird. Jedoch ist es so, dass eine Behandlung auch noch nach 24 Stunden sinnvoll ist: Die Dimension des ischämischen Areals wird reduiziert und die Heilung angekurbelt. Die Autoren empfehlen daher die Behandlung so früh wie möglich zu initiieren und solange die Hautnekrose nicht einen totalen Zustand erreicht hat.
Was noch?
Als Ergänzung empfehlen die Autoren die Zugabe von Acetylsalicylsäure (75−325 mg/Tag) um die Bildung von Blutgerinnseln zu verhindern und den Entzündungsgrad zu reduzieren. Bei Superinfektionen wird zu einer oralen Antibiotikatherapie und lokalen Hautpflege und -therapie geraten. Eine regelmäßige Nachbeobachtung sollte selbstverständlich sein.
Bei Vorliegen einer totalen Nekrose sollte das nekrotische Gewebe entfernt und nachträglich eine tägliche Verbandspflege eingeleitet werden. In diesem Fall muss sowohl dem Behandler als auch dem Patienten klar sein, dass der Heilungsprozess langwierig ist und negative ästhetische Implikationen zu erwarten sind.
Weitere (hinsichtlich der Wirksamkeit nicht eindeutig belegte) Strategien umfassen laut der vorliegenden Publikation eine Antikoagulanzien- und Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO). Die HBO kann ein- oder zweimal täglich appliziert werden um den Schweregrad der Ischämie und den Gewebsverlust zu reduzieren.
Quelle:
C. Rouanet, P. Kestemont, C. Winter et al. C. Rouanet, P. Kestemont, C. Winter et al. Journal of Stomatology oral and Maxillofacial Surgery 00 (2021) 1−4
